Das Preußische Dillenbajonett M/1862


Geschichte


Um die Geschichte des Dillenbajonetts M/1862 ganzheitlich darstellen zu können, muss auch auf die zugehörige Schusswaffe eingegangen werden.

Das Zündnadelgewehr M/1862, eingeführt durch A.K.O am 28. Juni 1862, war in erster Linie eine konstruktive Verbesserung des seit 1848 in der Truppe befindlichen Zündnadelgewehrs M/1841.

Die Verbesserungen bezogen sich auf die Gesamtlänge der Waffe, produktionstechnische Vereinfachungen und schließlich auf eine „neue“ Bajonettbefestigung“ inklusive „neu“ konstruierten Bajonett.

Zündnadelgewehr M 1862

Das Wort -neu- muss aber in Anführungszeichen geschrieben werden, da die Art der Befestigung sowie die Bajonettkonstruktion zur Zeit der Einführung des Gewehrs M/1862 keines Wegs neu oder gar eine neue Erfindung war.

Sie waren viel mehr seit Mitte des 19. Jahrhunderts gängige Standards welche in ähnlicher Form bei vielen Armeen weltweit verwendet wurden.

Erfunden wurde die Art der Befestigung in Frankreich und erlangte erstmals mit dem Modell 1777 weltweite Bekanntheit.
Die Rede ist vom 3- Fach gebrochenen Gang mit Sperrring welcher in der Dillenmitte angebracht ist und durch eine an der Dille angeschmiedete umlaufende Wulst sein Widerlager erhält.

Als Bajonetthaft dient im Falle des preußischen M/1862 das Korn.

Hergestellt wurden die Dillenbajonette M/1862 in Sömmerda (Firma Dreyse), sowie in den preußischen Gewehrfabriken Spandau, Erfurt und Danzig. Die Bajonette haben allerdings keinerlei Herstellerstempel erhalten, sodass es nicht möglich ist ein Bajonett einem bestimmten Hersteller zuzuordnen.

Soldat mit Zündnadelgewehr M1862 mit BajonettBei frühen Stücken findet man auf der Oberfläche eine Bräunierung welche rötlich - braun aussieht. Diese Art der Oberflächenvergütung war der Vorläufer der Brünierung und genau wie diese, ein Verfahren um Metallteile vor Rost zu schützen.

Bei späteren Stücken findet man nur noch die typisch bläuliche - schwarze Brünierung.

Die Bajonette M/1862 sind immer entweder Bräuniert oder Brüniert. Blanke also „Weiß“ gefertigte Stücke wie sie bei den Vorgängermodellen üblich waren, gab es beim M/1862 nicht. Das ist heute für den Sammler ein wissenswertes Kriterium für die Zustandsbewertung.

Als 1870 der Kriegsfall gegen Frankreich eintrat, waren insgesamt 391.786 Zündnadelgewehre M/1862 samt Bajonett im Bestand.

Davon befanden sich bei der Mobilmachung 137.339 Stück in Händen der Truppe.

Im Krieg 1870/71 tat das Zündnadelgewehr M/1862 neben dem M/1841 bei der preußischen Armee Dienst (dazu kamen noch die Spezialwaffen der Jäger und Füsiliere). Zahlenmäßig war das M/1841 aber während des Krieges 1870/71 am meisten vertreten.

Im Krieg 1870/71 führte die preußische Infanterie mit dem M/1862 zum letzten Mal ein Dillenbajonett im Kampf.

Das M/1862 war zugleich das letzte Dillenbajonett welches in der preußischen Armee verwendet wurde.

Wie auch schon bei den Vorgängermodellen M/1809, M/1839 und M/1841 wurde für das M/1862 keine eigene Scheide konzipiert.

Bei der Infanterie wurde das Bajonett immer aufgepflanzt geführt. Siehe dazu auch die Passage in meinem Artikel zum preußischen Dillenbajonett M/1841.

Zur Gegebenheit des ständigen aufgepflanzten Führens findet sich auch eine Passage im „Leitfaden zum Unterricht in der Kenntnis und Behandlung des Zündnadelgewehrs M/1862“:

„… So wenig als das ganze Gewehr ohne dringende Erfordernis auseinander genommen werden darf, darf auch das Bajonett, wenn es nicht durchaus notwendig ist, abgenommen werden, da durch das häufige Auf – und Abnehmen nur die Bajonette lose werden und ebenso die Läufe leiden. Wenn die Lokalität es nicht verbietet, müssen die Bajonette sogar in den Quartieren auf den Gewehren bleiben….“

Technische Daten:

Die Art der Befestigung ist aufgrund des Ganges sowie des mittig ausgeführten Haltepunktes in Verbindung mit einer relativ langen Dille eine ideale Bajonettbefestigung welche die Belastungen optimal auf die Laufmündung verteilt ohne diese dabei nachhaltig zu schädigen.

Da diese Technik seit dem französischen M/1777 bekannt war, hätte man in Preußen schon die Bajonette M/1809, M/1839 und M/1841 von vorn herein mit diesem stabilen System versehen können, stattdessen wurde die relativ anfällige und schwache Federpflanzung gewählt.

Dieser Umstand wurde endlich mit der Einführung des M/1862 abgestellt.

Ein Bild verdeutlicht die Gleichheit beider Modelle. Es zeigt links ein in der originalen Scheide versorgtes französisches M/1777 neben einem preußischen M/1862. Man sieht deutlich die gleiche Konstruktion des Aufpflanzmechanismus in Form eines 3-fach gebrochenen Ganges mit Sperrring in der Dillenmitte, das ganze an einer relativ langen stabilen Dille.

Nur liegen zwischen beiden Waffen 85 Jahre! In Preußen hat man so zu sagen etwas geschlafen und einige Zeit gebraucht bis man die Ideallösung angenommen hat.

Im Wesentlichen unterscheidet sich das Bajonett M/1862 von seinem Vorgänger M/1841 durch zwei Gegebenheiten:

- die angesprochene Befestigungsart mit 3- Fach gebrochenem Gang und Sperrring

- und eine Klinge mit Dreikanthohlschliff (M/1841 ist ohne Hohlschliff)

Der Dreikanthohlschliff verleiht der Klinge einen sehr günstigen Querschnitt dadurch wurde eine optimale versteifende Eigenschaft erreicht welche die Klinge des M/1862 sehr stabil werden ließ.

Vergleicht man das preußische M/1862 mit anderen Dillenbajonetten der Zeit, stellt man fest dass sich all diese Bajonette konstruktiv gleichen.

In der Mitte des 19. Jahrhunderts war die technische Entwicklung des Dillenbajonetts auf dem Höhepunkt angelangt, sowohl konstruktiv als auch qualitativ gab es um 1860 keine Steigerungen mehr.

Um das Bajonett aufpflanzen zu können, musste man den Sperrring auf die „geöffnete“ Position stellen. In dieser Position ist der Durchlass für das Korn am Sperrring im 90 Grad Winkel zur Brücke. Beide sind Spitzbogenartig ausgeführt um dem Dachkorn am Gewehr den Durchgang zu ermöglichen.

Dann wird das Bajonett mit der Dillenunterseite nach oben über den Gewehrlauf geschoben und um 90 Grad nach rechts gedreht und soweit nach hinten geschoben bis das Korn am vorderen Ende des Ganges ansteht. Danach wird der Sperrring nach rechts gedreht und das Bajonett damit fixiert.

Die Begrifflichkeit 3-Fach gebrochener Gang erklärt sich aus der Z-Form des Ganges. Die 3 Geraden die ein Z bilden stehen bei einem Dillenbajonett welches einen solchen Gang besitzt für 3-Fach gebrochen.

Im Leitfaden zum Unterricht in der Kenntnis und Behandlung des Zündnadelgewehrs M/1862, findet man zu dem Aufpflanzen eine interessante Passage die hier erwähnt werden soll:

„Das Aufstecken des Bajonetts muß mit besonderer Vorsicht und Rücksicht auf das Korn geschehen. Vorzugsweise muß vermieden werden, den oberen Rand des Längeneinschnitts scharf gegen das Korn zu führen. Es würde nicht nur das letztere, sondern auch die Bajonettülle leiden….“


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