Das Preußische DillenbajonettM/1809

in der Ausführung bis 1811


Geschichte


Die Doppelschlacht bei Jena und Auerstädt war mit einer katastrophalen Niederlage für die preußisch-sächsischen Truppen zu Ende gegangen und die zurückweichenden preußischen Verbände konnten sich nicht mehr gegen den Druck der französischen Streitkräfte durchsetzten. So zog Napoleon am 27.10.1806 als Sieger in Berlin ein und der preußische König musste samt Familie die Flucht gen Ostpreußen antreten.

Fast die kompletten Ausrüstungs- und Waffenbestände waren in den Schlachten verloren gegangen oder von den siegreichen napoleonischen Truppen beschlagnahmt worden.

Dies war die bittere Stunde der Niederlage für Preußen, jedoch auch die Stunde des Neuanfanges.

Denn diese Niederlage machte den Weg frei für umfassende und weitreichende Reorganisationen und Reformen im preußischen Staatsgefüge. Diese wirkten sich neben vielen zivilen Bereichen vor allem auf das Militärwesen aus.

Darunter fällt die bereits im Herbst 1807 aufgegriffene Anstrengung, eine neues Infanterie- Gewehr zu entwickeln. Den Anstoß dazu gab die Militär Reorganisations- Kommission unter der Leitung des Generalmajors, von Scharnhorst.

Es folgten Konstruktionsvorschläge und Versuche mit Mustergewehren bis mit der Kabinettsorder vom 29.5.1809 das endgültige Muster festgestellt wurde.

Aus dieser Order geht hervor, „dass das Bajonett eine Dille nach bewährtem französischen Vorbild, einen kurzen geraden Gang haben und der Sperrring mit einer Stellschraube versehen sein soll“.

Dies ist tatsächlich der erste Typ des preußischen Dillenbajonetts M/1809. Hergestellt wurde dieses Muster nur eine sehr kurze Zeit bis in die Mitte des Jahres 1811.

An die Stelle des ersten Modells mit Sperrring und geradem Gang trat das System der Federpflanzung und führt uns direkt zu dem vorgestellten Stück.

Die Musteränderung geht direkt auf das Drängen von Scharnhorst und Clausewitz zurück, die ständig auf der Suche nach neuen Verbesserungen über dieses Pflanzsystem „gestolpert“ sind. „Abgekupfert“ haben sie es sich beim österreichischen Gewehr M/1798 -Muster 1799-, und versuchten daraufhin den preußischen König für das von ihnen favorisierte österreichische Pflanzsystem zu gewinnen. Heute würde man diese Vorgänge als Suche nach neuen Innovationen bezeichnen und muss die Gegebenheit durchaus so betrachten.

Ihr Werben hatte schließlich Erfolg, denn Friedrich Wilhelm reagierte am 06.12.1810 mit einer A.K.O und verfasste eine Anweisung an Scharnhorst, in der er ihm befahl unverzüglich Versuche mit dem neuen Pflanzsystem anzustellen und falls diese keine Schwierigkeiten zeigten „diese Einrichtung bei sämtlichen Gewehren in der Armee in Anwendung bringen zu lassen“.

Scharfe Kritik an diesem Pflanzsystem übte die Gewehrrevisionskommission in Potsdam, welche die bewährte solide Sperrringpflanzung bevorzugte. Diese Bedenken waren keine aus der Luft gegriffenen Behauptungen, sondern in der Tat die Wahrheit, denn die frühen Muster der Federpflanzung boten bei weitem nicht die Stabilität, wie sie die Sperrringpflanzung aufwies.

Allen Bedenken zum trotz wurde die Federpflanzung am 03.04.1811 eingeführt und der Beschluss auch durch nochmalige bedenkliche Äußerungen der Gewehrrevisionskommission nicht mehr zurückgenommen.

Eingeführt war nun die Federpflanzung nach österreichischem Vorbild mit einer spatenförmigen Bajonettfeder (Ausführung 1811, von 1811 bis 1814 produziert), die Dille des Bajonetts mit wulstartigem Exzenteransatz in dem die Spatenförmige Feder griff.

Aber nicht nur die Gewehre sprich die Federn unterscheiden sich also in frühe spatenförmige und spätere endgültige halbmondförmige Federvariante sondern auch die Bajonette, nämlich in der Form des Einschnittes im Exzenter, in dem die Feder bei aufgepflanzter Waffe ruht.

Die frühen Stücke des Bajonetts, welche für die spatenförmige Feder gefertigt wurden, haben einen rechteckigen Einschnitt mit geraden Kanten. Die späteren endgültigen Einschnitte sind an einer Seite halbrund angefräst. Diese Gegebenheit wird anhand eines Detailbildes visualisiert.

Gezeigt wird die endgültige Form des Einschnittes ab 1812 (links) neben dem Einschnitt des frühen Stückes.

Die spatenförmige Feder erwies sich im praktischen Gebrauch schon nach kurzer Zeit als nicht besonders stabil. Die Verbindung war nicht solide und bereits nach mehrmaligem unsachgemäßen Aufsetzten leierte die Feder aus. Die Folge war ein loser Sitz des Bajonetts am Gewehr und konnte sich bis zu einem Herabfallen steigern.

Aus diesem Grunde musste erneut konstruktiv eingegriffen werden, um diesen gravierenden Mangel abzustellen. Parallel dazu trat wieder die Gewehrrevisionskommission mit ihrer alt bekannten (und berechtigten) Kritik auf den Plan, jedoch wieder ohne Erfolg.

Ab 1812 wurde dann begonnen die spatenförmige Feder zu Modifizieren um einen sicheren Sitz zu erreichen.

Und zwar schmiedete man den vorderen hakenartigen Teil in die Breite, sodass eine löffelartige bzw. halbmondförmige Feder entstand. Diese halbmondförmige Auflage umschloss nun das Bajonett umfassender und übte so mehr Druck auf die Dille aus, auch stützten sich die Kanten des Halbmonds zusätzlich an den Überlappungen des Exzenters wodurch die Verbindung solider wurde. Die endgültige Form der Bajonettfeder wurde aber erst 1814 gefunden.

Von da an wurden keine Änderungen mehr vorgenommen und die Feder blieb bei den Gewehren 1809/12, 1839 und 1841 unverändert im Gebrauch.

Auch in dieser Form war die Federpflanzung im Vergleich zur Sperrringpflanzung nachteilig, hielt sich jedoch bis in die späten 50ger Jahre des 19.Jhdts.

Diese starken Verzögerungen sind allerdings nicht auf Schlamperei und Unwillen zurückzuführen, sondern auf die damalige Situation in der sich Preußen befand. Es stand immer noch unter der Kontrolle Frankreichs und diese hatten natürlich ihre Hand auf allen wichtigen Fabriken, sodass von einer regulären störungsfreien Produktion in dieser Zeit nicht die Rede sein kann.

So kam es, dass dem Königreich Preußen 1813 nur ca. 55.000 „neuer Preußischer Gewehrer samt Bajonett“ (gemeint ist das Modell 1809, Anm. d.Verf) zur Verfügung standen. Diese Waffen wurden zur Ausrüstung der Linien-Infanterie-Regimenter verwendet, aber reichten nicht zu deren vollständigen Bewaffnung aus, sodass auch für diese Truppenteile Gewehrmodelle aus England, Österreich, Schweden und Russland zurückgegriffen werden musste.

Es wurde jedoch erreicht dass bei der Linien-Infanterie Regimentsweise eine einheitliche Bewaffnung realisiert werden konnte und so ein regimentsintern ein einheitliches Ladegriff-Schmena exerziert werden konnte.

Die Hauptwaffen im Befreiungskrieg waren wie erwähnt ältere preußische Modelle und alles Verfügbare, was die Arsenale Europas hergaben. Aus der Not heraus wurden auch viele Waffen gestückelt und so entstanden Gewehre mit französischen Rohr, preußischem Schloss und womöglich englischen Schaft. An Bajonetten wurde aufgepasst was gerade verfügbar war und irgend passte.

Gefertigt wurde das Gewehr 1809 samt Bajonett in seinen Varianten in einer Stückzahl von rund 300.000 Waffen. Ein Bruchteil dieser Zahl entfällt auf die frühen Modelle mit Sperrringpflanzung bzw. spatenförmiger Federpflanzung. Der Großteil ist nach dem Muster von 1812 gefertigt worden.

Der weitere Werdegang der Waffen M/1809 in der preußischen Armee war ein relativ langer. Um den interessierten Lesern einen Überblick zu verschaffen soll kurz darauf eingegangen werden.

Zuerst erfolgte die für die 30er Jahre des 19Jhdts. typische Perkussionierung der Gewehre M/1809-12 mit der A.K.O vom 10.09.1839. Für das Bajonett hatte diese Umarbeitung keine Auswirkungen, es blieb das bisherige Dillenbajonett 1809 in Verwendung.

Nach dieser Umänderung stand den nun perkussionierten Gewehren 1809 (ab 1853 durch eine Verfügung d. allg. Kriegsdepartements U/M für „umgeändertes Modell bezeichnet) die Änderung auf das Minié Expansionsgeschoss bevor. Bei der Änderung wurde der glatte Gewehrlauf mit Zügen versehen. In Summa wurden 65.966 besonders gut erhaltene Gewehre 1809 U/M aptiert. Auch diese zweite Umänderung hatte keinen Einfluss auf das Bajonett, es wurde weiterhin das zugehörige Dillenbajonett 1809 verwendet.

Als schließlich um 1855 die Umrüstung der preußischen Armee mit dem neuen Zündnadelgewehr immer weiter Fortschritt, wurden die alten Gewehre (alle Varianten) samt ihrer Bajonette aus der Truppe genommen und in Zeughäusern und Arsenalen eingelagert.

Von da aus sind zu Beginn des amerikanischen Sezessionskrieges ca. 165.000 Gewehre und Bajonette M/1809 (die Gewehre in allen oben beschriebenen Varianten) vom US Ordonance Department angekauft worden und wurden in den Kampfhandlungen des Bürgerkrieges eingesetzt.

Der Rest der preußischen Arsenalbestände, welcher nicht verkauft werden konnte, wurde über die Zeit meist der militärfiskalischen Verwertung zugeführt.

Die Waffen wurden Demontiert, eingeschmolzen und das gewonnene Material für neue Waffen verwendet.

So endete für die meisten Bajonette M/1809 nach gut 50jähriger Dienstzeit ihr Dasein entweder auf den Schlachtfeldern des amerikanischen Bürgerkriegs oder im Schmelzofen preußischer Waffenmanufakturen.


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