Die Helmbarte


Geschichte


Bevor näher auf die Verwendung und Entwicklung dieses Stangenwaffentyps eingegangen wird, soll die Konstruktion näher beschrieben werden. Freilich ist es im Rahmen dieser Arbeit nicht möglich, sämtliche Typen und Formen der über die Jahrhunderte gefertigten Helmbarten zu bearbeiten. Deshalb soll die Betrachtung allgemein gehalten und im Detail nur auf die vorgestellten Realstücke eingegangen werden. Aufgrund dieser Basis kann eine verständliche Erläuterung der jeweiligen Konstruktionsmerkmale stattfinden.

Der Name Helmbarte leitet sich aus den Wörtern „Halm“ für Stiel und „Barte“ für den axtförmigen Kopf dieser Stangenwaffe ab. Im Laufe der Zeit wurde der Begriff aber, hochwahrscheinlich durch Übersetzung und anschließend falsche Rückübersetzung, verstümmelt. Aus diesem Grunde hat sich der bis heute hartnäckig falsche Begriff Hellebarde gehalten.

Generell besitzt der Kopf einer Helmbarte drei separate Waffentypen, nämlich ein Axtblatt, einen Reißhaken oder Schlagdorn auf der gegenüberliegenden Seite sowie eine Stoßspitze. Die Barte, wie die Axt in damaliger Zeit auch bezeichnet wurde, war primär zum Hieb gedacht und konnte in Verbindung mit den meist über zwei Meter langen Stielen bei einem wuchtigen Hieb die damaligen Harnische stark Deformieren und dadurch dem Gegner eine enorme Prellung an Kopf oder Brustkorb zufügen, welche zur Kampfunfähigkeit oder gar zum Tod desselben führen konnte. Schwachstellen eines Harnisches waren die Verbindungsstellen von Brust und Armzeug oder auch die Geschübe. Hier konnte der Schlagdorn ebenfalls als Hiebwaffe verwendet werden, da mit seiner schlanken Spitze das punktuelle Durchdringen der Harnische und Helme gut möglich war. Man konnte mit dem Reißhaken jedoch auch den Gegner entweder vom Pferd ziehen oder ihm im Nahkampf aus dem Gleichgewicht bringen. Die Stoßspitze machte den Einsatz der Helmbarte als Stichwaffe in der Form einer Lanze möglich.

Alle drei Komponenten veränderten sich im Laufe des Verwendungszeitraums beachtlich, ganz einhergehend mit der militärischen Verwendung dieses Waffentyps. Zu Beginn findet man noch wuchtig ausgeschmiedete Barten und eher kurze Stoßspitzen. Diese frühen Helmbarten waren also primär zum Hieb gedacht, wofür die schweizerischen Helmbarten des 15. und frühen 16. Jahrhunderts ein gutes Beispiel darstellen. Im 16. Jahrhundert bildete sich der Reißhaken ebenso wie die Stoßspitze weiter heraus. Der Einsatz als primäre Hiebwaffe trat nun also in den Hintergrund oder wurde gleichauf mit den anderen beiden Komponenten gesehen. Ab dem ausklingenden 16. Jahrhundert wurden die Helmbarten immer weiter von den Langspießen verdrängt und man fand sie nur noch im Kern der Schlachthaufen oder als Waffen der Weibel. Die Helmbarten des 17 Jahrhunderts weisen in der Regel nur noch sehr verkümmerte Reißhaken und Barten auf, denn die Stangenwaffe diente in dieser Zeit hauptsächlich noch als Repräsentationswaffe, welche den Stand des Trägers anzeigte oder bestenfalls als Trabantenbewaffnung. Für einen direkten Einsatz im Kampf waren diese späten Helmbarten nicht mehr gedacht. Dies Zeigt sich am deutlichsten an den aufwendigen Verzierungen und den sehr barocken Formen, welche einen eigentlichen Gebrauch als Waffe schon unmöglich machten. Aus diesen späten Helmbarten bildeten sich schließlich die Spontons oder Kurzgewehre des späten 17. und 18. Jahrhunderts heraus.

Wie bereits angesprochen, wurden die ursprünglichen Helmbarten primär als Hiebwaffen eingesetzt. Welch verheerende Wirkung diese Waffen hatten, lässt sich aus den Verläufen der zeitgenössischen Schlachten ableiten. Ein gutes Beispiel für den erfolgreichen Einsatz der Helmbarte mag die Schlacht bei Sempach im Jahre 1386 geben. Die voll geharnischten Ritter des Herzogs Leopold III. traten mit ihren kurzen Reiterlanzen gegen die eidgenössischen Gewalthaufen an, welche in Masse die Helmbarte einsetzten. Die Helmbarten wurden dabei an den hinteren Schaftenden beidhändig geführt und dabei über Kopf gehoben. Der Hieb erfolgte also von oben herab auf die Formationen Leopolds. Es ist verständlich, dass kein Harnisch der Wucht eines solchen Hiebes standhalten konnte. Wurden die Platten nicht durchlagen, reichte die Wucht der auftreffenden Klinge dennoch aus, um den Harnisch stark einzubeulen und dem Träger eine schwere Prellung oder ein Schädel-Hirntrauma beizubringen, wenn der Schlag den Helm traf. Der so getroffene Gegner blieb also, sollte er den Hieb überlebt haben, in jedem Fall kampfunfähig liegen.

Im 16. Jahrhundert, der Zeit der Landsknechte, waren die Stoßspitzen und Reißhaken bereits deutlich ausgeprägt und in den Schlachtordnungen der Langspieß etabliert. Der Einsatz als reine Hiebwaffe trat in dieser Zeit bereits sehr in den Hintergrund. Man focht nun primär mit der Stoßspitze, die Helmbarte wurde also als kurzer Spieß eingesetzt. Die Barte konnte aber aufgrund der nach wie vor massiven Fertigung weiterhin als Hiebwaffe eingesetzt werden oder zusammen mit dem Reißhaken zum parieren feindlicher Angriffe dienen.

Helmbarte deutscher Provenienz um 1530

Die gezeigte Helmbarte deutscher Provenienz um 1530 vereint alle nötigen Fabrikationsmerkmale dieser Zeit, welche typisch sind für diese Stücke. Die Bartenklinge ist gerade und die Enden sind deutlich spitz zulaufend, keilförmig in die Länge gezogen. Die Stoßspitze ist relativ kurz gehalten und von vierkantigem Querschnitt, wie sie für Helmbarten dieses Zeitraums üblich waren.

Der kräftige Reißhaken sowie die Bartenklinge weisen feine Durchbrüche und Verzierungen in Form von eingeschnittenen Kreisen und halbkreisförmigen Linien auf. Markant sind die drei am Stück befindlichen und sehr deutlich geschlagenen Schmiedemarken am Reißhaken. Genaue Untersuchungen der Stempelbilder zeigen, dass die beiden Marken auf der rechten Seite mit dem gleichen Stempel geschlagen wurden. Für die dritte Marke links am Reißhaken wurde ein anderer Stempel verwendet.

Der Schmied hat hier anscheinend bewusst nicht nur eine Marke aufgebracht, um den Wiedererkennungswert deutlich hervor zu heben. Üblicherweise findet man auf Realstücken dieser Zeit eine Schmiedemarke. Da die Kriegswaffen zur damaligen Zeit auf eigene Rechnung gekauft werden mussten, konnte ein guter Schmied nur von „Mund zu Mund Propaganda“ profitieren. Die drei vorhandenen Marken sind also nicht nur als Erkennungszeichen zu sehen, mit denen man das Stück seinem Meister zuordnen konnte. Denn für diesen Fall hätte eine Marke gereicht, vielmehr muss man hier eine sehr frühe Form bewusster Werbung unterstellen, denn durch die Auffälligkeit gleich dreier Marken die zudem auf jeder Seite der Stangenwaffe angebracht waren, tat der Schmiedemeister alles, um sein „Zeichen“ für jedermann gut sichtbar zu machen. Dies unterstrich natürlich dann noch das Qualitätsbewusstsein des betreffenden Schmiedes, welcher so von seiner Arbeit überzeugt war, dass er diese über die Maße signierte.

Die Helmbarte weist vier Schaftfedern auf, welche den Kopf sehr stabil am Schaft halten, was sich am äußerst festen Sitz auch noch heute, nach über vier Jahrhunderten, zeigt. Aus Gründen der Stabilität wurde weiterhin ein umlaufendes Eisenband angebracht, welches sich zwischen den oberen drei Scharftnägeln befindet. Der braun gebeizte Schaft mit achteckigem Querschnitt, weißt keinerlei Wurmbefall auf und ist kaum geworfen oder verzogen. Dieses Stück ist somit ein Zeugnis von der hohen Handwerkskunst des frühen 16. Jahrhunderts.


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