Ein Radschlosskarabiner der Leibgarde des Salzburger Fürstbischofs Wolf Dietrich von Raitenau


Geschichte


SALZBURGER RADL - EIN RADSCHLOSSKARABINER DER LEIBGARDE DES SALZBURGER FÜRSTERZBISCHOFS WOLF DIETRICH VON RAITENAU.

Text: Udo Lander

Salzburg, die Stadt der Nockerln und der Festspiele, Mozarts Geburtsstadt, die Stadt der Kirchtürme und Droschken, wer kennt sie nicht. Aber all das, was wir heute an dieser Stadt schätzen, ihr Flair und ihr Ambiente, ihre winkligen Gassen und weiten Plätze, ihre prächtigen Kirchen und der herrliche Blick von der Burg ist letztendlich einem Mann zu danken, der sich zum Ziel gesetzt hatte, diese seine Stadt zum „Rom des Nordens“ auszubauen.

Diesem tatkräftigen Mann hat die historisch interessierte Gilde der Waffensammler aber nicht nur Architektonisches zu verdanken. Aus der Zeit seiner Regentschaft stammen neben prunkvollen Helmbarten, Partisanen und venezianischen Rundschilden der erzbischöflichen Trabantenleibgarde mit ornamentiertem Lederbezug auch wunderschöne, ganz charakteristische Radschloßkarabiner, die in sehr begrenzter Stückzahl für einen speziellen Zweck produziert, heute nur noch in wenigen Exemplaren in öffentlichen und privaten Sammlungen nachweisbar sind.

Der Einfluß Roms

Nach der Einnahme, Plünderung und teilweisen Zerstörung Roms durch deutsch/spanische Truppen unter Kaiser Karl V. in den Jahren 1527 und 1528, mit der die Epoche der Renaissance in Rom abrupt ihr Ende fand, wurde die Stadt ab dieser Zeit bis weit ins 18. Jahrhundert hinein zum Wegbereiter und glänzenden Vorbild der neuen Kultur des Barock. Eben dort, in der Stadt Rom, im Zentrum des neuen, barocken Lebensgefühls, verbrachte Wolf Dietrich von Raitenau, welcher 1559 auf Schloß Lochau bei Bregenz das Licht der Welt erblickt hatte, den größten Teil seiner Jugend.

Fürstbischofs Wolf Dietrich von RaitenauSo verwundert es letztendlich nicht, daß Wolf Dietrich, als er 28-jährig im Jahre 1587 durch das Domkapitel zum Fürsterzbischof von Salzburg gekürt und ernannt wurde, alles daran setzte, die in Rom kennengelernte Prachtentfaltung des Barock auf seine Residenz Salzburg zu übertragen, seine Kapitale zum „Rom des Nordens“ umzugestalten. Seine Bemühungen galten jedoch nicht nur den architektonischen Veränderungen in der Stadt, sondern auch der Art und Weise, wie Wolf Dietrich sich und seinen Hofstaat im Vollgefühl der absoluten Macht und Herrlichkeit nach außen darstellte. Dieses Bemühen um Darstellung der Würde und Bedeutung seiner hochfürstlichen Stellung in Konkurrenz zu seinen nicht minder hochmögenden Standeskollegen galt insbesondere auch für seine Garden, deren Uniformierung und nicht zuletzt deren Bewaffnung.

Aufstellung der Leibgarde - Trabanten und Leibschützen

In Rom hatte Wolf Dietrich die päpstliche Schweizer Garde kennengelernt, welche erstmals im Jahre 1506 auf Papst Julius II. eingeschworen worden war. Diese Truppe hatte bei Wolf Dietrich offenbar einen bleibenden Eindruck hinterlassen, denn noch im ersten Jahr seiner Regierung stellte er eine eigene Leibgarde auf, welche aus Trabanten und Leibschützen bestand. Die bereits seit längerem auf dem Hauptschloß Hohensalzburg , aber auch auf der wildromantischen Festung Hohenwerfen im Salzachtal bestehende Schloßgarde, die mit der neu aufgestellten Leibgarde aber nichts zu tun hatte, wurde bei dieser Gelegenheit verstärkt .

Die erzbischöflichen Trabanten waren eine mit prächtigen Helmbarten ausgerüstete Garde zu Fuß, welche die Palastwache zu stellen hatte und die mit großer Wahrscheinlichkeit nie zum normalen Kriegsdienst herangezogen worden ist. Die Angehörigen der Trabantenleibgarde rekrutierten sich ausnahmslos aus dem bürgerlichen Stand.

Die Leibschützen hingegen, welche gelegentlich auch als Arkebusiere bezeichnet wurden, waren beritten, da diese den Erzbischof auf seinen Reisen, so zum Beispiel zu der im Jahre 1593 zelebrierten, zeremoniellen Hofjagd nach Schloß Fuschl am See zu begleiten hatten, bei der das Jagdkostüm mindestens genau so wichtig war wie die Jagdwaffen. Zur Ausrüstung der Leibschützen gehörte neben einer blanken Waffe jeweils ein besonderer, vom Erzbischof für diese Truppe in Auftrag gegebener, sehr aufwendig gearbeiteter Radschloßkarabiner mit entsprechendem Zubehör. Da die Mannschaftsstärke dieser berittenen Leibschützen oder Arkebusiere anfänglich ganze 24 Mann betrug und sich bis zum Jahre 1605 auf insgesamt nicht mehr als 36 Soldaten erhöhte, wird offenkundig, daß die Anzahl der damals angeschafften Radschloßkarabiner recht gering gewesen sein muß. Geht man wegen der für den Kriegsfall erforderlichen Reserven von einer Gesamtzahl von etwas mehr als der doppelten Sollstärke der Leibschützen aus, sind sicherlich nicht mehr als insgesamt 80 bis 85 Karabiner bestellt und geliefert worden.

Diese Radschloßkarabiner waren sehr aufwendig und kunstfertig verarbeitet und eine vergleichbar kostspielige Waffenausstattung ist nur noch bei den Trabantenleibgarden der Kurfürsten von Sachsen nachweisbar. Bei derartigen Waffen stand von vornherein nicht deren Funktionalität im Vordergrund der Bemühungen, sondern ganz zweifellos das enorme, jedoch offensichtlich zeittypische Repräsentationsbedürfnis der fürstlichen Auftraggeber. Darüber hinaus ist festzustellen, daß die Dresdener und Salzburger Gardewaffen von ihrer Dekoration und vom Typus her auffallend ähnlich gestaltet sind.

Aufenthaltsorte

Von den damals für die erzbischöflichen Leibschützen angeschafften Radschloßkarabinern haben sich bis heute weltweit nachweislich ca. 38-40 Stücke erhalten, die sich zum größten Teil in öffentlichen Sammlungen befinden, wobei der bedeutendste Bestand von insgesamt 14 Karabinern im Salzburger Museum Carolino Augusteum vorhanden und momentan im Schloß Hohensalzburg ausgestellt ist . Drei weitere Karabiner befinden sich im Schloß Opocno in Böhmen, das Bayerische Nationalmuseum in München besitzt zwei Karabiner, ebenso das Kunsthistorische Museum in Wien. Weitere Stücke befinden sich im Museum von Dijon (2), im Armeemuseum von Warschau (1), im Armeemuseum Paris (1) und im Museum Schloß Pelez (1) in Rumänien . Auch im Bestand des Bayerischen Armeemuseums Ingolstadt sowie in der Sammlung der Veste Coburg ist jeweils ein Salzburger Karabiner vorhanden . Schließlich wurde ein erzbischöflich salzburgischer Karabiner vor wenigen Jahren bei einem Einbruch im Wehrgeschichtlichen Museum Schloß Rastatt gestohlen und weitere Stücke befinden sich nachweislich in privaten Sammlungen in Europa und den USA, bzw. wurden in den letzten Jahren im Kunsthandel angeboten und verkauft.

Der Radschlosskarabiner

Technische Daten und Beschreibung

Gesamtlänge 835mm

Lauflänge 565mm

Kaliber des glatten Laufs 10,8mm

Schlosslänge 197mm

Größte Schlossbreite 52,5mm

Raddurchmesser außen 45,8mm

Gewicht 2150g

Zwetschgenholz-Vollschaft mit zahlreichen, zeittypischen Beineinlagen und die Schaftkonturen hervorhebenden Beinstegen. Kolbenkappe aus Bein mit doppelter Randlinie, Befestigung durch zwei Nägel. Kolbenhals am Übergang zum Kolben mit deutlicher Daumeneinlage. Schmuckloses Radschloss mit gewölbtem Raddeckel und verschiebbarem, federbelastetem Pfannendeckel. Der Hahn mit balusterförmigem Fuß, flachem Oberteil und kräftigem Hahnsporn zur besseren Handhabung. Hahnlager und Hahnfederlager durch eine kräftige, balusterartig verzierte Studel verstärkt. Eine blattfederbelastete Drehhebelsicherung links vom Rad blockiert im eingelegten Zustand den Abzug. An beiden Enden im Schaft verschraubter, eiserner Abzugsbügel mit langer Handauflage. Der Lauf im hinteren Drittel kantig, dann nach doppelter Kanellierung zur Mündung hin rund. Lauf/Schaft-Verbindung durch von unten eingesetzte Kreuzschraube und zwei Laufstifte. An der Mündung ausgeprägter, dreifach gewulsteter Mündungsring. In der Mitte des kantigen Laufteils eine für diesen Waffentyp besonders charakteristische , volutenförmige Standkimme aus Messing, ein entsprechendes Messing-Perlkorn sitzt auf dem Mündungsring. Hölzerner Ladestock mit eisernem Abschluss (möglicherweise später ergänzt).

Marken

„.Z.“ im wappenförmigen Schild auf dem achtkantigen Laufteil in Höhe des Pulversacks

„Lindwurm“ im Wappenschild auf dem Schloßblech außen unter dem Rad

Optisch besticht der für eine Langwaffe sehr kurze, beinahe einer langen Radschloßpistole ähnelnde Karabiner durch den Kontrast zwischen dunklem, rötlichbraunem Obstholz und den vielen hellen Beineinlagen, welche meisterlich ausgeführt und komplett erhalten sind. Aber auch seine Gesamtform mit dem schlanken Vorderschaft und dem petrinalartig geformten, sehr kurzen Kolben, welcher beidseitig durch eine beinerne Rollwerkkartusche verziert ist, macht diesen Waffentyp nahezu unverwechselbar.

Verschiedene Hersteller

Alle heute noch bekannten Karabiner sind erwartungsgemäß nach einem einheitlichen Schema gefertigt, wenngleich man dennoch deutliche Unterschiede von Waffe zu Waffe, besonders in der Ausführung der Beindekorationen und der Gestaltung von Radhalterung und Hahnform feststellen kann. So unterscheiden sich die Schlösser in aller Regel dadurch, daß sie entweder einen geschlossenen, stark gewölbten Raddeckel, eine kreisrunde, umlaufende Radstudel oder aber nur eine kleine Radstudel in 5Uhr-Position besitzen. Auch die Hähne lassen sich in drei Kategorien unterteilen: Solche ohne Hahnsporn, solche mit geschweiftem und solche mit ringförmig gebogenem Hahnsporn.

Auch die Läufe sind unterschiedlich gemarkt. Während der hier vorgestellte und elf weitere Karabiner jeweils die Marke „Z“ zwischen zwei Punkten zeigt, findet man an den Läufen von vier anderen Karabinern die Marke „VK“, welche Valentin Klett aus Suhl zugeschrieben wird , der dort in der Zeit von 1580 bis 1603 nachgewiesen ist, also exakt in der Regierungszeit von Fürsterzbischof Wolf Dietrich von Raitenau.

Dies alles spricht für eine Herstellung zumindest der Metallteile in unterschiedlichen Werkstätten, was auch durch das Vorhandensein unterschiedlicher Meistermarken auf den Schlössern unterstrichen wird. Während der hier vorgestellte und weitere Karabiner eine zwar bekannte, bis heute jedoch nicht identifizierte Marke „Lindwurm“ im Wappenschild zeigen, findet man an anderen Karabinern die unbekannte Marke „Gekreuzte Schwerter zwischen HB“ oder eine ebenfalls nicht nachweisbare Marke „Männchen“ .

Den Hofamtsrechnungen der damaligen Zeit kann man entnehmen , daß ein großer Teil der für die Leibschützen erforderlichen Karabiner entweder komplett, oder aber deren Einzelteile neben anderen von der in Suhl ansässigen, heute noch berühmten Büchsenmacherdynastie der Klett bezogen worden ist. Zumindest gilt dies entsprechend der Stempellage für die Läufe. Es sind jedoch auch Fertigungsaufträge an einheimische oder in der Region ansässige Handwerker ergangen, insbesondere an die Büchsenmacherfamilie Zellner in Zell am Wallersee, welcher die auf dem Lauf der hier vorgestellten Waffe vorhandene Marke „Z“ zwischen zwei Punkten zuzuschreiben ist. Ob diese Marke speziell mit Georg Zellner aus Zell am Wallersee in Verbindung gebracht werden kann, welcher dort für die Zeit von 1594 bis 1634 als Büchsenmacher nachweisbar ist, und der im Jahre 1594 Handfeuerwaffen an das Hofzeugamt Hohensalzburg in Salzburg lieferte , ist zwar durchaus denkbar und von den Fakten her auch möglich, jedoch bis heute nicht eindeutig nachgewiesen.

Im Bereich des Möglichen ist es darüber hinaus, die Z-Marke einem Büchsenmacher Sebastian Zellner, ebenfalls aus Zell am Wallersee, zuzuschreiben, welcher im Jahre 1626 nachweislich ebenfalls Handfeuerwaffen an das Hofzeugamt Hohensalzburg geliefert und dies möglicherweise auch schon früher getan hat.

Vielleicht handelt es sich bei der Z-Marke aber auch nur um eine reine Werkstattmarke der Zellner-Büchsenmacherfamilie, die sozusagen als übergreifendes Familiensymbol oder als Schutzmarke der Zellner dann eingeschlagen, wenn alle oder zumindest mehrere Familienmitglieder an der Produktion beteiligt waren und das Endprodukt daher nicht mit einem bestimmten Mitglied der Dynastie in Verbindung gebracht werden konnte. Dies wird insofern dadurch bestätigt, daß die von Georg Zellner verwandte, eigene Marke zwar ebenfalls ein wappenförmiges Schild zeigt, das dann aber die Buchstaben „GZZ“ (Georg Zellner Zell) zeigt .

Wer jedoch die Salzburger Karabiner letztendlich geschäftet und damit vollendet hat, ist bis heute unklar. Die Beindekorationen, die an den untersuchten Karabinern der erzbischöflichen Leibschützen vorhanden sind, sind so oder in ähnlicher Ausführung an vielen anderen Waffen im deutschsprachigen Raum und in den Niederlanden zu finden . Auf den beiden Kolbenseiten, oft auch an den Schlossgegenseiten findet man schöne Rollwerkkartuschen, von denen manchmal dünne Bänder ausgehen. Die Vorderschäfte sind in der Regel entweder mit spitz zulaufenden, floralen Ornamenten oder aber mit in sich verschlungenen drachen- oder fischförmigen Darstellungen versehen. Beiderseits und hinter der Schwanzschraubenverlängerung befinden sich floral gravierte Beinplatten und die Schaftkonturen werden in teils voneinander abweichender Form durch eingelegte Beinstege hervorgehoben. Fast identisch bei allen Exemplaren ist aber die Form des beinernen , floral gravierten Ladestockröhrchens und die gleichermaßen ausgestaltete, halbe Mündungskappe, welche ebenfalls aus Bein gefertigt ist.

Das übereinstimmenste und im übrigen auch charakteristischste Merkmal dieser Karabiner aber ist ihr Schaft. So unterschiedlich die Details der Schaftdekoration vielleicht auch sein mögen, so ist doch festzustellen, daß die Schaftform bei allen bekannten Radschlosskarabinern nahezu identisch ist. Dies und die im allgemeinen trotz aller Unterschiede einheitliche Dekoration der Schäfte legt den Gedanken an eine einzige Schäfterwerkstatt nahe, die nach Erhalt der von den diversen Büchsen- und Schlossmachern gefertigten Eisenteile möglicherweise einen eigenen Entwurf vorgelegt und diesen nach bischöflich-landesherrlicher Genehmigung zur Grundlage einer kleinen Serienfertigung gemacht hat. Denkbar ist aber auch, daß die Schaftentwürfe zu diesen Waffen von Wolf Dietrich von Raitenau selbst kamen, der diese zusammen mit dem Arbeitsauftrag an eine Schäfterwerkstatt gegeben hat.

Fertigungszeitraum 1588-1603

Die früheste Datierung der Salzburger Radschlosskarabiner ist auf den Regierungsantritt von Fürsterzbischof von Raitenau im Jahre 1587 und der im selben Jahr erfolgten Aufstellung der Leibschützen festzulegen. Dabei muss man berücksichtigen, daß der Entwurf und die anschließende Fertigung der für die kleine Truppe erforderlichen Gesamtzahl von ca. 80 bis 85 Karabinern sicherlich mehrere Jahre in Anspruch nahm. Dennoch kann der früheste Lieferzeitpunkt einer ersten Teilmenge von Karabinern, unabhängig davon, welcher Büchsenmacher oder Schäfter letztendlich die Produktion übertragen bekommen hatte, auf die Zeit um 1588 zu datieren. Anzunehmen ist weiterhin, daß diese erste Auslieferungsquote dazu verwendet wurde, die komplette Zahl der Leibschützen, um 1588 ca. 25 Mann, mit den neuen Waffen auszurüsten. Dies erscheint deshalb zwingend, weil eine längere Wartefrist, wie sie zur Fertigstellung aller in Auftrag gegebener Karabiner unbedingt erforderlich, dem Repräsentationsbedürfnis des Fürsterzbischofs mit großer Wahrscheinlichkeit abträglich gewesen wäre.

Der letzte Fertigungszeitpunkt der Karabiner ist für’s Erste auf das Jahr 1603 festzulegen. Dies ist das letzte Jahr, für das der Suhler Büchsenmacher Valentin Klett, dessen Stempel auf mehreren Läufen der Salzburger Karabiner vorhanden ist, nachgewiesen werden kann.

Offen ist allerdings immer noch, in wie weit Georg oder Sebastian Zellner aus Zell am Wallersee als Produzenten der mit der Marke „.Z.“ im wappenförmigen Schild versehenen Läufe identifiziert werden können . Immerhin hat Georg Zellner im Jahre 1594 und Sebastian Zellner im Jahre 1626 eine Anzahl Feuerwaffen an das Salzburger Zeugamt auf der Hohensalzburg geliefert, so geht es zumindest aus den offiziellen Amtsrechnungsunterlagen hervor . Nur von diesen beiden Büchsenmachern kann folglich die Marke mit dem „Z“ eingeschlagen worden sein. Da die Klärung dieser Frage aber nach dem augenblicklichen Kenntnisstand nicht möglich ist, muss die exakte Datierung des letzten Fertigungsjahres vorerst offen bleiben.

Das Ende der Herrlichkeit

Sicher aber scheint zu sein, daß nach dem Jahre 1612 keine Leibschützenkarabiner mehr hergestellt wurden: Der dem Weltlichen offenbar zu sehr zugetane Fürsterzbischof von Salzburg stolperte im schon fortgeschrittenen Alter von über 53 Jahren über eine Affäre mit einer jungen Frau. Er hatte sich - nomen est omen - mit Salome Alt, der behüteten Tochter eines angesehenen Bürgers der Stadt eingelassen. Das Verhältnis eskalierte zum Skandal, als bekannt wurde, daß Wolf Dietrich das Lustschloss Mirabell, „ein Märchen aus Stein, mit Garten und Wasserspielen, mit antiken Bildwerken, mit Grotten und Irrgängen, Lusthäusern, Teichen und Lauben“ nur für seine Geliebte erdacht und mit hohem, finanziellem Aufwand hatte realisieren lassen. Damit war das Maß voll und das Domkapitel sah sich im Sinne der Aufrecherhaltung von öffentlicher Sitte und Moral gezwungen, das Geschehnis zur Kenntnis des bayerischen Kurfürsten Maximilian zu bringen. Die unter Wolf Dietrich von Raitenau seit Jahren Schritt für Schritt vollzogene Emanzipation Salzburgs vom Herzogtum Bayern und seine Neutralitätspolitik gegenüber den einander feindlich gegenüberstehenden Gruppierungen im Reich am Vorabend des Dreißigjährigen Krieges hatte man in München seit längerem mit Argwohn verfolgt. Nun war die Gelegenheit günstig, den unbequemen Salzburger kaltzustellen. Kurfürst Maximilian von Bayern enthob den Fürsterzbischof kurzerhand seines Amtes und setzte ihn im Jahre 1612 auf der Schlossfestung Hohensalzburg gefangen. Dort starb Fürsterzbischof Wolf Dietrich von Raitenau am 16. Januar 1617 im Alter von 58 Jahren - sic transit gloria mundi!

Der Kolben ist doch viel zu kurz

Betrachtet man den ganzen Karabiner unter dem Aspekt seiner Gebrauchstüchtigkeit und damit der Ergometrie, so kann man heute durchaus zu der Auffassung gelangen, daß man mit einer Langwaffe, die einen derart kurzen Kolben hat, keinesfalls vernünftig umgehen kann. Tatsächlich fällt es einem heutigen Zeitgenossen mit einer Durchschnittsgröße von 1, 80 oder mehr und entsprechender Armspanne ziemlich schwer, sein Auge zum Zwecke des Zielens hinter Kimme und Korn, also in die Ziellinie zu bringen. Dies resultiert daraus, daß die Distanz zwischen Kolbenende und Standkimme gerade einmal 360mm beträgt, andererseits man den rechten Arm schon extrem stark anwinkeln muss um den Abzug zu erreichen, da auch die Entfernung vom Kolbenende zum Abzug weniger als 210mm beträgt.

Bedenkt man aber, daß die zur Gebrauchszeit des Salzburger Karabiners rekrutierten Leibschützen eine Durchschnittsgröße von nicht einmal 1,55m und damit eine weit geringere Armspanne als heutige Erwachsene gehabt haben dürften, wird manches klarer. Dazu kommt, daß die voll ausgerüsteten, zu Pferde sitzenden Leibschützen mit großer Wahrscheinlichkeit einen an seiner Innenseite gut wattierten Kürass getragen haben, an den das entsprechend abgeschrägte Kolbenende des Karabiners beim Zielvorgang angelegt wurde; dies dürfte mindestens 30 bis 40mm an fehlender Kolbenlänge gutgemacht haben, so daß unter diesen Voraussetzungen einem guten, gezielten Schuss wahrscheinlich nichts mehr im Wege stand.

Da alle bekannten Karabiner eine fast identische Kolbensenkung mit entsprechender Abschrägung des Kolbenendes aufweisen, führt dies zwangsläufig zu der Folgerung, daß dem oder den Schäftern ein Originalkürass der Leibschützen vorgelegen haben muss. Die Wölbung des Brustharnischs war logischerweise das Maß für die Abschrägung des Kolbenendes, wenn ein richtiggehender Anschlag mit der Waffe in Verbindung mit dem Brustharnisch möglich sein sollte.

Schlußbemerkung

Der hier vorgestellte Radschlosskarabiner ist ein Paradebeispiel fürstlicher Prachtentfaltung gegen Ende des 16. Jahrhunderts. Er zeugt zum einen von der hohen Handwerkskunst der an seiner Entstehung beteiligten Büchsenmacher und Schäfter, zum andern aber auch vom hohen Kunstverständnis seines wohlhabenden Auftraggebers. Nur weil all diese Prädikate auf einen Punkt fokussiert wurden, konnte ein solches Stück entstehen. Dies zur Freude heutiger Waffenliebhaber, die sich einen Sinn für das Schöne und Außergewöhnliche bewahrt haben auch in einer Zeit des allgemeinen Werteverfalls, in der in unendlichen Mengen reproduzierbare Fließbandware von zwar hoher Funktionalität, aber nur geringer oder meist gar keiner Ästhetik den Vorrang haben.

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